Unser Boden ist mehr als nur der Untergrund, auf dem wir gehen. Er ist eine der wertvollsten Lebensgrundlagen: Er schenkt uns Nahrung, speichert und filtert Wasser und ist Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren. Außerdem bietet er Schutz vor Naturgefahren und ist ein zentraler Baustein für unsere Lebensqualität. So beeinflusst er das Klima – im Großen, aber auch im Kleinen: Wir alle kennen das Phänomen, wenn es im Sommer in der Stadt unerträglich heiß, auf dem Land hingegen durchaus angenehm ist. Der Grund dafür: Durch die Verdunstung des Wassers aus den Pflanzen und den unversiegelten Böden kühlt sich die Luft merklich schneller ab, als sie es über asphaltierten Straßen tut. Das verdunstete Wasser erhöht zudem die Luftfeuchtigkeit.
Bodenversiegelung und die Folgen
Wird eine Fläche versiegelt, verliert der Boden seine Funktion als lebendes Ökosystem und wird von der Atmosphäre abgeschnitten. Durch Asphalt oder Beton können weder Wasser noch Sauerstoff eindringen, wodurch das Bodenleben abstirbt und die natürliche Filterfunktion für Schadstoffe verloren geht. Da das Regenwasser nicht mehr versickern kann, steigt bei Starkregen die Belastung der Kanalisation und das Risiko für Sturzfluten rapide an. Gleichzeitig heizen sich die künstlichen Oberflächen stark auf, was das Mikroklima verschlechtert.
Die EU will den Netto-Flächenverbrauch bis 2050 auf Null senken. Aktuelle Daten der Europäischen Umweltagentur EEA zeigen jedoch einen Gegentrend: Die Versiegelung nimmt weiter zu, vor allem durch neue Siedlungen und Straßen. In europäischen Städten stieg die Rate des Flächenverbrauchs zwischen 2018 und 2021 sogar um rund 32 % im Vergleich zum vorherigen Sechsjahreszeitraum. Jährlich gehen in der EU hunderte Quadratkilometer an natürlichen und landwirtschaftlichen Flächen verloren. Allein in Italien beispielsweise wurde in den Jahren 2024/2025 eine Versiegelungsrate von etwa 2,7 Quadratmetern pro Sekunde gemessen, das ist der höchste Stand der vergangenen 12 Jahre. In Südtirol wurden seit 2006 im Schnitt jährlich netto rund 63 Hektar natürlicher Boden verbraucht, was in etwa 88 Fußballfeldern pro Jahr entspricht.
Um die negativen Effekte der Bodenversiegelung umzukehren und die Klimaresilienz unserer Städte zu stärken, rückt die Flächenentsiegelung immer stärker in den Fokus der Stadtplanung. Dabei geht es darum, die versiegelten Flächen gezielt zu entfernen, um dem Boden seine ökologische Regenerationsfähigkeit zurückzugeben.
Bodenentsiegelung für mehr Klimaresilienz
Jede Maßnahme, die dazu beiträgt, versiegelte Flächen in einen naturnahen Zustand zu versetzen, ist ein Schritt hin zu mehr Klimaresilienz, Artenvielfalt und Lebensqualität. Als Entsiegelung gilt sowohl das vollständige als auch der teilweise Rückbau einer versiegelten Fläche.
Der Klimaplan Südtirol 2040 sieht vor, die Nettoneuversiegelung bis 2030 zu halbieren und bis 2040 auf Null zu bringen – 10 Jahre vor der EU. Erreicht werden soll dies durch die konsequente Vermeidung von Neuversiegelungen, wann immer dies möglich ist, sowie durch die Wiederverwendung bereits bestehender versiegelter Flächen. Lässt sich eine Neuversiegelung nicht vermeiden, muss sie auf ein Minimum reduziert werden. Gleichzeitig gilt es, bereits verbaute Flächen aktiv zu entsiegeln und zu renaturieren, um einen ökologischen Ausgleich zu schaffen.
Vorteile der Entsiegelung
Auch, wenn die Versiegelung von Flächen für bestimmte Nutzungen notwendig ist, sprechen viele Gründe für eine kritische Betrachtung einer übermäßigen Versiegelung – vor allem dort, wo man es selbst beeinflussen kann, beispielsweise beim privaten Hausbau.
Die konsequente Entsiegelung führt zu einem modernen stadtplanerischen Ideal: der Schwammstadt. In diesem Modell wird die Stadt so konzipiert, dass sie – wie ein Schwamm – Niederschlagswasser dort aufnimmt und speichert, wo es fällt, anstatt es lediglich über die Kanalisation abzuleiten. Durch den Einsatz von Mulden, Rigolen und entsiegelten Grünflächen wird das Wasser lokal zurückgehalten. Dies dient nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern versorgt die städtische Vegetation auch in Hitzeperioden mit Feuchtigkeit, was durch die anschließende Verdunstung die gesamte Stadt natürlich kühlt. Außerdem sorgen freie Flächen für mehr Biodiversität: Entsiegelung trägt zum Schutz und zur Wiederherstellung natürlicher Lebensräume bei und fördert die Artenvielfalt. Es entstehen wieder ökologische Korridore und Biotope, die den genetischen Austausch und die Wanderung verschiedener Tier- und Pflanzenarten ermöglichen.
KH